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ARGUMENTATION
Wie verschaffe ich mir und meinen Werten Gehör?

von Karin Bischof

Aus der Trainingspraxis zum Umgang mit vorurteilsbehafteten Parolen und diskriminierenden Aussagen kenne ich den dringenden Wunsch, diese nicht unwidersprochen stehen zu lassen, sondern „richtig“ zu kontern.

Wer selbst schon öfter versucht hat, vorurteilsbehafteten Sagern Paroli zu bieten, kennt den Moment der vermeintlichen Aussichtslosigkeit, wenn – nach etlichen Anläufen – Frust die Lust am Diskutieren ablöst. Verloren gehen meist Neugierde, Interesse und der Wunsch, einander zuzuhören, um zu verstehen; stattdessen werden pauschale Parolen, verdrehte Geschichten und einseitige Positionen stur aneinandergereiht. Eine Parole jagt die andere. Argumente und Geschichten sind vielfach altbekannt und verhallen ebenso wie die Emotionen, Sorgen, Ängste, Fragen und Probleme, die häufig hinter Parolen stecken können.

Um den klassischen Parolen nicht (schon wieder) die klassischen Gegenargumente entgegenzuhalten, sondern (andere) Wege zu gehen – seien sie konstruktiv, kreativ oder auch einmal unverschämt unlogisch oder gar paradox –, soll im Folgenden auf die Relevanz von stereotypen Bildern im Kopf über die, die solche Parolen „meist von sich geben“ und jenen, die „da immer was zum kontern haben“ eingegangen werden.

Die und die Anderen: Die Fallen eines stereotypen bipolaren Diskurses

Der öffentliche wie oft auch der private Diskurs zu „Ausländer*innen“, „Asylwerber*innen“, „Türken*innen“, „Muslime“, etc. ist mehr und mehr eingefasst von zwei entgegengesetzten Polen. Der eine Pol wird besetzt von Argumenten, die vereinfachen, radikal ablehnen, pauschal abwerten und problematisieren, während der andere Pol sich betont „vernünftig“, beschwichtigend und positiv gibt und dabei ebenso zu Generalisierungen greift.

Es scheint also kaum Raum zu geben für eine andere Reaktion auf eine abwertende Parole, als zuzustimmen und sich gleichsam gegenseitig auf die Schulter zu klopfen, oder auf das Repertoire des zweiten Poles zuzugreifen und eine mehr oder weniger erfolgreiche Verteidigungsrede für die angegriffene Gruppe zu schwingen.

Blicken wir nun hinter die „Kulisse“ solcher Debatten, offenbaren sich zwei „Schubladen“, in die ich mich einordnen (lassen) kann oder in die ich mein Gegenüber einordne.

Beide Pole, die untenstehend skizziert sind, beschreiben letztlich zwei Stereotype, die uns allen bekannt sind, obwohl wir uns weder in ihnen wiederfinden noch jemand von ihnen individuell zur Gänze beschrieben wird. Trotzdem soll ihre Wirkungsweise nicht unterschätzt werden.

Pol 1 beschreibt (exemplarisch) das Bild, das viele Menschen teilen, wenn sie Menschen assoziativ beschreiben sollen, die häufig zu Generalisierungen greifen. Pol 2 beschreibt jene stereotype Schublade, die „typisch“ ist für das Bild über jene Menschen, die in solchen Situationen gegen generalisierende Parolen das Wort ergreifen.

Ergänzen Sie diese Liste, indem Sie das Stereotyp noch genauer beschreiben: Wo wohnen, was lesen, wie kleiden sich die Menschen, die Pol 1 bzw. Pol 2 zugeordnet werden. Seien Sie dabei bewusst „unkorrekt“, schließlich handelt es sich um ein Stereotyp.

Beide Säulen repräsentieren Schubladen – also stereotype Zuschreibungen. Stereotype aber haben eine ganz eigenartige Beziehung zur Realität: Sie sind zwar nicht inhaltlich wahr, sind aber selbst Teil der Realität, da diese Zuschreibungen im Grunde allen Menschen in einer bestimmten Region zumindest bekannt sind. Also: Egal, wie ich mich selbst dazu positioniere – ich kenne diese Stereotype, sie sind Teil einer Art kollektiven Wissens und beeinflussen daher mein Gespräch.  

Welche Relevanz haben diese beiden stereotypen Pole nun?

Seien Sie sich dieser polaren Bilder in unseren Köpfen bewusst. Wählen Sie Argumente und Techniken, die sich nicht unmittelbar zu Pol 2 zuordnen lassen. Durch die Zuschreibung, Sie wären „besserwisserisch, abgehoben, naiv ...“, wird der Gesprächsverlauf enorm beeinflusst. Viele der Argumente, die Parolen entgegengebracht werden, sind – nicht zuletzt durch wohlgemeinte Handbücher – dem Gegenüber bereits bestens bekannt und keinerlei Denkanstoß mehr. Sie stören einzig den Wunsch, sich mal so richtig verbal „auszukotzen“. Werde ich also im Gesprächsverlauf von meinem Gegenüber in die Schublade 2 „gesteckt“, bekomme ich rasch den Eindruck „gegen eine Wand zu reden“ oder „dass DIE einem ja sowieso nicht zuhören wollen“. Eine weitere Falle im bipolaren Diskurs besteht darin, dass in jedem Gespräch, in dem ich meinem Gegenüber mit dem Bild aus Pol 1 begegne, „Du bist dumm, ein Verlierer ...“, indirekt die Nachricht „Ich stehe über Dir“ sende. Dieser Verlust an Wertschätzung wird unbewusst spürbar und kann das noch so wohlgemeinte Ziel eines Austausches „auf Augenhöhe“ in weite Ferne rücken.

Es ist wichtig, sich dieser Stereotype bewusst zu sein, um kommunikativen Fallen, die sich daraus ergeben, entgehen zu können. Kommunikation hört auf konstruktiv zu sein, wenn sich die Gesprächspartner*innen gegenseitig in diese stereotypen Schubladen stecken (lassen).

Wählen Sie Argumente und Techniken, die Sie auf ungewohnte Art und Weise interessant machen. Befinden Sie sich bereits mitten im bipolaren Wettstreit, dann wählen Sie Techniken, Argumente oder schlicht Begriffe, die „untypisch“ (für Pol 2) sind. Um das Interesse Ihres Gegenübers zu wecken und ein Zuhören überhaupt erst zu ermöglichen, verwirren und irritieren Sie, um vorgefertigte Bilder über Sie und Ihr Gegenüber „aufzuweichen“.

Spannungsausgleich im bipolaren Werte-Diskurs: Raus aus der Defensive ­– rein ins Wertequadrat

Was, wenn Sie ihr Ziel, sich Gehör und Interesse zu verschaffen, nun erreicht haben und ein Gespräch möglich scheint? Was, wenn das Ziel einer konstruktiven Auseinandersetzung realistisch ist? Obwohl viele Parolen pauschal verallgemeinern, abwerten oder verurteilen und in hohem Maße vereinfachend sind, stecken in manchen doch auch zumindest Anregungen, um über Fragen des Zusammenlebens in einer pluralistischen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts zu diskutieren. Im Zusammenhang mit den hier vorgestellten 2 Polen treffen dabei auch gegensätzliche Wertvorstellungen aufeinander.

Damit sich die konstruktive Wirkung eines Wertes (einer Tugend, eines Leitprinzips, einer menschlichen Qualität oder Haltung) entfalten kann, verlangt jeder Wert laut Schulz von Thuns Wertequadratlogik nach Spannungsausgleich mit seinem positiven Gegenwert.

Findet sich keine Balance zwischen den beiden Werten, bleibt es bei einem Aufeinanderprallen der beiden Pole und die Diskussion verkeilt sich im Abwerten des Wertes mithilfe seiner negativen Übertreibung. Die einen werfen den anderen vor, es ende im Kampf „Jeder gegen Jeden“ und die anderen bekämen alles geschenkt („Blöd, wer sich dann noch anstrengt“).


Argumentiere ich für einen positiven Wert isoliert, regt sich also der Konter-Reflex, beziehungsweise die Sorge bei meinem Gegenüber, was passiert, wenn sich dieser ohne vom Gegenwert in Balance gehalten zu werden, voll und ganz durchsetzt.  

Ein Schlüssel ist demnach die Hinwendung zum Sowohl-als-auch: das Finden oder Diskutieren des rechten Maßes bzw. die Annäherung der beiden positiven (Gegen-)Werte, um das Abdriften der Diskussion auf die Ebene der Übertreibung zu vermeiden.

Die Reframing-Profis Hinnen & Hinnen empfehlen, beim Argumentieren für einen Wert dessen Gegenwert und (!) die Übertreibungen der Werte offensiv anzusprechen, um Zustimmung für die eigene Werteausrichtung zu erhalten und dem Gegenüber den Wind aus den Segeln zu nehmen.


Gelingt der Spannungsausgleich zwischen den Werte-Polen, findet etwas äußerst Wertvolles statt: Es kann über Fragen des Zusammenlebens tatsächlich – kontrovers, aber sachbezogen und konstruktiv – gesprochen werden.
 

Karin Bischof

Fotocredit: Jetmir Idrizi 

Mag.a Karin Bischof, MA, ist international tätige Trainerin, Evaluatorin, partizipative Prozessmoderatorin und Uni-Lektorin. Ihre Schwerpunktthemen sind Zivilcourage und Argumentationstechniken, Anti-Diskriminierung, Interkulturalität, „Heimat(en) machen“ und Diversität.

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